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Mestliner warben auf einem Kolloquium für Mestlin...

entnommen der Schweriner Volkszeitung, Lokalredaktion Parchim vom 18.06.2002

Die Last wiegt heute schwer

Kolloquium der Thünengesellschaft: 50 Jahre Mestliner Geschichte thematisiert

Mestlin/Tellow • Der Verein für Politik- und Sozialgeschichte Mecklenburg-Vorpommern und die Thünengesellschaft hatten in Tellow (Landkreis Güstrow) zu einem Kolloquium eingeladen. Das Thema lautete
„Agrargenossenschaften in Vergangenheit und Gegenwart“.

Als einstiges „sozialistisches Musterdorf“ in der DDR ist Mestlin weit über die Grenzen des Landkreises hinaus bekannt geworden, nicht zuletzt auch durch das überdimensionierte Kulturhaus. Was ist daraus geworden, 50 Jahre nach der Gründung der LPG und der 2. Parteikonferenz der SED im Jahre 1952? Das war unter anderem Thema auf einem sehr gut besuchten zweitägigen Kolloquium im Thünen-Museum in Tellow (Landkreis Güstrow).
Wissenschaftler, Politiker und Agrarexperten diskutierten über die Geschichte der Agrargenossenschaften und deren Entwicklungen und Auswirkungen auf die jeweilige Region. Der Landwirtschaftsminister des Landes, Till Backhaus, wies in seiner Einführungsrede u. a. darauf hin, dass die Genossenschaften nicht nur eine Wirtschaftseinheit waren, sondern ebenso wichtige soziale Funktionen im Dorf innehatten. Wie dieser Aspekt in der Praxis ausgefüllt wurde, das thematisierte ein Diskussionsbeitrag der Mestliner Delegation.
Bürgermeister Uwe Schultze sowie Ortschronist Günter Peters waren zu diesem Kolloquium eingeladen worden, um über die Entwicklung Mestlins zu reden. Sehr anschaulich, mit vielen Zahlen und Fakten aus der Vergangenheit, schilderte der Bürgermeister den sozialistischen Aufschwung Mestlins: Landambulatorium mit Entbindungsstation, eine Zentralschule, das Kulturhaus, Kindereinrichtungen, Wohnungen und Verwaltungshäuser, die Elektrifizierung des gesamten Dorfes, Sportplatz, Einkaufsstätten, Kanalisation…
Erste Zweifel an der Idee des sozialistischen Musterdorfes kamen 1970 auf. Daraufhin kürzte man ursprüngliche Pläne und baute weniger „bombastisch“. Doch was einst für Mestlin Aufschwung bedeutete, ist teilweise heute eine Last, so der Bürgermeister. Ganz oben steht dabei das Kulturhaus, welches fast verwaist ist und von der Gemeinde nicht alleine finanziert werden kann. Ein Förderverein bemühte sich und setzte erste Akzente. Doch alles scheint gleich mehrere Nummern zu groß zu sein und nun soll ein tragfähiges Konzept im Rahmen des „LEADER+“-Programms neue Wege aufzeigen. Schultze rief die Anwesenden auf, bei der Aufarbeitung der DDR-Geschichte Mestlin nicht alleine zu lassen: „Das Dorf steht zum großen Teil unter Denkmalschutz und das soll so bleiben, aber es muss wieder Leben in Denkmäler einkehren.“ Dazu werden neben viel Geld auch echte Ideen und Ratschläge benötigt. Ganz oben steht an, so Bürgermeister Schultze, die Probleme der Gemeinde, das Dorf Mestlin wieder ins Gespräch zu bringen, zu werben für neue Ideen und neue Fördertöpfe. Eine Idee könnte sein, ein Museum aufzubauen, welches die DDR-Geschichte nahe bringt ohne zu glorifizieren. Das Thünenmuseum in Tellow war ungewollt mit seiner Anlage ein Beispiel, wie man es anpacken könnte.
Der Vortrag aus Mestlin fand viel Interesse. So bat Dr. Elke Scherstjanoi vom Institut für Zeitgeschichte München um das Vortragsmaterial, um es in einer Fachzeitschrift zu veröffentlichen. Professor Dr. Siegfried Kuntsche vom Verein für Politik- und Sozialgeschichte in Mecklenburg-Vorpommern, der auch die Einladung ausgesprochen hatte, versprach weitere Möglichkeiten der Unterstützung zu geben. Auch Professor Dr. Fritz Tack, der Vorsitzende der Thünengesellschaft, zeigte sich interessiert.
Die kleine Mestliner Delegation war mit dem Ergebnis sehr zufrieden. „Es ging uns nicht darum, hier auf dem Kolloquium Geldleute zu finden. Wir wollen uns ins Gespräch einbringen, für unser Dorf werben. Vielleicht schaffen wir uns so ein Podium, um mit anderen Mitstreitern gemeinsam manches wieder aus dem Schlaf erwecken und vor dem weiteren Verfall retten zu können“, so Bürgermeister Uwe Schultze.
Michael-Günther Bölsche

 
Der Bau der Kanalisation in der Parchimer Straße 1953 war eine der Errungenschaften des Musterdorfes. Foto: Archiv Bedau   Bürgermeister Uwe Schultze (links) übergibt dem Vorsitzenden der
Thünengesellschaft, Prof. Dr. Fritz Tack, den Redebeitrag.

Der Inhalt dieser Rede ist veröffentlicht in Buchform in der Reihe "Rostocker Beiträge zur Deutschen und Europäischen Geschichte" Band 12. Unter der Nummer ISSN 1431-410 X ist das Buch über die Uni Rostock oder das Thünen-Museum in Tellow zu beziehen.

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